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XIX - Die Sonne
Unerlöste Sonnen sind vielleicht die letzten, die zu einem Hilfsmittel,wie
einer Tarot-Essenz greifen, um ihr Problem zu lösen.
Sie sind in den allermeisten Fällen unfähig, es zu erkennen.
Und genauso würde ihre Umwelt nicht verstehen, was eigentlich bei
einer unerlösten Sonne nicht stimmen sollte.
Sie sind in den Bereichen, in denen sie entschieden haben zu scheinen
nahezu vollkommen. Egal ob Beruf, Politik oder Privatsphäre.
Sie können ungemein kompetent sein. Sie stechen nahezu spielend jede
Konkurrenz aus, weil sie sie oft gar nicht als Konkurrenz begreifen. Ihr
Erfolg basiert auf zwei ihrer größten Talente: einer weitgehend
realistischen, zumindest ungemein glaubwürdigen Selbstdarstellung
und der nahezu perfekten Kommunikationsfähigkeit. Unerlöste
Sonnen haben ein feines Gespür für die aktuellem Bedürfnisse
ihrer Umwelt. Sie reagieren sehr situationsangemessen: Sie können
der Mittelpunkt einer Party sein, wenn es denn passend erscheint. Eine
Sonne kann aber auch in voller Größe und Schönheit still
auf einem Stuhl vor sich hin scheinen. Bewundert wird sie trotzdem.
Sonnen eignen sich gut für bestimmte Berufsgruppen. Als Heiler oder
Psychotherapeutinnen können sie sehr erfolgreich sein, weil ihre
Klientinnen und Klienten nicht nur offene Bücher für sie sind,
sondern sie auch genau wissen wie sie motivieren können.
Sonnen können sich zur perfekten Projektionsfläche für
die Wünsche anderer machen und diese dann umdrehen: Schau her, ich
kanns auch.
Einen individuelleren Verkäufer gibt es kaum und selbst, wenn sie
hinter der Theke eines Imbißladens stehen haben sie für jeden
Kunden das richtige Wort. Schauspielerinnen (Diven), Sänger, Politiker
... alle Berufe, die mit Öffentlichkeit zu tun haben sind ein bevorzugtes
Feld für Sonnen.
Auch weniger excellente Sonnen sind meist noch every body's darling. Selbst
bei ein Fließbandjob macht noch weitaus mehr Spaß, wenn eine
Sonne in der Nähe ist.
Tatsächlich stellt sich die Frage, wo denn eigentlich das Problem
ist. All diese Eigenschaften passen sowohl zu erlösten als auch zu
unerlösten Sonnen.
Das Problem liegt im Motiv.
Eine erlöste Sonne ist, was sie scheint. Sie tut, was sie tut, als
Ausdruck ihrer selbst. Sie kann strahlend hell sein und lebt, wie die
Sonne am Himmel auch, von ihrere eigenen Energie. Ihr handeln kann anderen
Nutzen, dennoch ist es auch im eigenen Interesse. Erlöste Sonnen
können durchaus erfolgreiche Heiratsschwindler sein.
Unerlöste Sonnen brauchen zum Strahlen die Bewunderung ihrer Umwelt.
Ihre Souveränität ist zu einem großen Teil lediglich das
Werkzeug, sich diese Bewunderung zu erschleichen.
Dies mindert zunächst weder Wirkung noch Wirksamkeit. Aber langfristig
sind unerlöste Sonnen nur für wenige Menschen interessant. Irgendwann
bricht der Schein jeder inszenierten Persönlichkeit zusammen.
Hier ist oft ein Punkt, an dem die Sonne ihr Problem erkennt. Auf Bewunderung
allein lassen sich tiefer gehende Beziehungen nicht aufbauen. Zumal wenn
z.B. Partnerinnen oder Partner auch für Dritte nur den eignen Glanz
verstärken. Was fehlt, ist echte Nähe. Fast wie im All umkreisen
andere Menschen die Sonne wie Planten: fest gebunden durch die Anziehungskraft
doch auf einer geregelten Bahn mit gehöriger Distanz.
Im Extremfall können unerlöste Sonnen zum Objekt eines Personenkults
werden. Bricht der zusammen, brechen auch die Sonnen zusammen. Dies ist
besonders heftig, wenn neben der Selbstdarstellung keine weiteren Fähigkeiten
vorhanden sind und die Sonne nur von ihrem Schein lebt.
Da es in der Öffentlichkeit und in der Politik viele Sonnen gibt,
sind solche Landungen semiprofessioneller Pseudostars immer wieder ein
gefundenes Fressen für die Boulevardpresse. Der Witz: all die Genialität,
all die positive Energie einer Sonne lässt sich erhalten, wenn sie
im Innern angefüllt ist mit eigener Kraft, eigenen Interessen, eigener
Stabilität, Selbstvertrauen.
Bei Sonnen geht es meist nicht darum etwas zu reduzieren. Es geht darum
etwas hinzuzufügen
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