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XIV -Die Kunst
Die Kunst besteht darin, im Gleichgewicht zu sein.
Die Zauberworte heißen Verhältnismäßigkeit, Ausgewogenheit
und Angemessenheit.
Es geht darum, die Gegensätze zu vereinen, Widersprüche zu einer
neuen Qualität zu führen, Integrationen zuzulassen. Es gibt
eine Art von "über den Dingen stehen", ohne auf die Dinge herabzublicken,
sondern sie so zu lassen, wie sie sind und mit ihnen umgehen können.
Dann ist es möglich, sie in freier Entscheidung zu etwas Neuem zu
verbinden.
Menschen, die die Kunst verloren haben, spüren das oft sehr genau.
Es kommt nicht selten vor, daß Menschen, die z.B. mit dem Rauchen
Schluss gemacht, haben zu militanten Nichtrauchern werden. Sie versuchen
dann, andere von der Richtigkeit ihres Weges zu überzeugen, manchmal
mit wenig demokratischen Mitteln. Das ist auf Dauer mindestens nervend
für die Umwelt, im Zweifelsfall sogar unerträglich. Ganz ähnlich
funktioniert das bei ausgeprägten Ideologien oder dogmatischen Religionen.
Unerlöste Künste neigen zum Extremismus, egal welcher Art. Wenn
sie die Entwicklung zulassen, wird die Gruppe der Gleichwertigen immer
kleiner. Wie so oft wird Unverständnis auf der einen Seite von der
anderen nicht mit Zuhören sondern mit Ignorieren geahndet. Unerlöste
Künste geraten meist rasch in die soziale Isolation. Es ist in der
Regel das Klammern an Prinzipien, das abschreckt. Einige unerlöste
Künste verschrecken ihre Umwelt mit der Aufdringlichkeit und Übergriffigkeit,
mit der sie ihre Mission erfüllen. Wenn Menschen sich von einem Extrem
lösen, ist es oft nicht unangebracht zunächst mit dem anderen
Extrem zu flirten. Wenn allerdings aus dem Flirt eine Abhängigkeit
wird, ist letztlich nichts gekonnt. Es nutzt für Ex-Raucherinnen
wenig, den Lungenkrebs vermieden zu haben aber den Magenkrebs, der aus
dem Stress der andauernden Kampfsituationen entsteht, zu bekommen.
Unerlöste Künste befinden sich oft in einer Art Flucht. Mit
dem "Nur weg vom Alten"; müssen sie sich nicht auf die Gründe,
die sie zum vorherigen Zustand geführt haben oder auch mit den eigentlichen
Gründen, die die Flucht ausgelöst haben, auseinandersetzen.
Die Annahme, etwas "wieder gut machen zu müssen" ist ein häufiger
Grund für Extremismus, Rache ein anderer. Gar nicht selten neigen
Menschen, die zu einer anderen Religion konvertieren dazu, deren orthodoxe
Form anzunehmen, sich in den strengen Regeln und Ritualen zu orientieren,
um sich, den anderen, den Gottheiten, die Dazugehörigkeit zu beweisen
und das Alte als Fehler so weit abzulegen, wie nur möglich.
Extremismus, egal in welcher Form führt jedoch oft zu geistiger und
körperlicher Verkrampfung, zu Kampf, Stress, Inhaltsleere. Alles
in allem kein gesunder Zustand. Dabei sind es gerade die Menschen, die
in der Lage sind, Extreme zu leben und zu verstehen, auch die, die sie
vereinen können. Wer zwei Religionen oder auch Ideologien erlebt
hat, kann statt eine zu bekämpfen, lernen, was eigentlich Religionen
oder Ideologien ausmacht und für sich den Kern, nicht die Hülle
nutzen.
Wirklich frei vom Rauchen - um beim Beispiel zu bleiben - ist nicht, wer
das Rauchen bekämpft sondern wer für sich jedes Mal neu entscheiden
kann, zur Zigarette zu greifen oder es zu lassen. Vielleicht fällt
auch für immer die Entscheidung, nicht zu rauchen. Dennoch bleiben
Menschen, die Rauchen auch bei anderen bekämpfen vom Thema abhängig.
Und Abhängigkeit ist ja gerade das, was sie eigentlich beenden wollten.
Es ist keine Souveränität, auf eine Richtung fixiert zu sein.
Souveränität bedeutet, die freie Entscheidung zu haben, nicht
an den Extremen verhaftet zu sein, sondern einen Punkt dazwischen zu wählen,
wann immer eine Wahl fällig ist.
Eine erlöste Kunst hat etwas erreicht, wovon viele träumen:
Freiheit.
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