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VIII - Die Gerechtigkeit
Eines der Sinnbilder für Gerechtigkeit, in manchen Tarotdeck heißt
die Karte auch Ausgleich oder Waage, ist Justicia. Blind, das Schwert
in der einen, die Waage in der anderen Hand verkörpert sie die letztlich
römische Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit.
Die Blindheit gegenüber den Individuen "Vor dem Gesetz sind alle
gleich "wird sofort zur Illusion, wenn Menschen im Namen von Justicia
Recht sprechen. Denn, es sind nun mal Menschen, mit ihren eigenen Vorlieben
und Problemen, mit ihren Bildern, Urteilen und Vorurteilen im Kopf.
Diese Subjektivität kann in der Praxis der Justiz durch die eine
oder andere Maßnahme reduziert werden. Im täglichen Leben be-
und verurteilen wir jedoch immer ohne Netz und doppelten Boden.
Solange dies anhand unserer Wertmaßstäbe funktioniert, mag
das halbwegs akzeptabel sein. An irgendeiner Basis müssen wir uns
orientieren, irgendetwas muss die Strategien unseres Lebens steuern. Wenn
die Grundlage eines Urteils jedoch unsere aktuelle Situation, vielleicht
einfach unsere Laune ist, wird dies für uns und unsere Umwelt in
aller Regel destruktiv. Denn auf Grund unseres Urteils, unserer Einschätzung
handeln wir. Unbedachte Reaktionen, Vorwürfe, selbst wenn sie inhaltlich
noch so berechtigt sein mögen, sinn- und fruchtlose Diskussionen
an falscher Stelle, im falschen Zusammenhang, um das falsche Thema entfernen
uns von den anderen Menschen.
Unerlöste Gerechtigkeiten können auf diese Weise ganze soziale
Gefüge, wertvolle Beziehungen, konstruktive Bindungen zerbrechen
lassen.
Mit schonungsloser, oft nahezu brutaler Offenheit sagen oder schreien
sie Leuten das, was sie für die Wahrheit halten, ins Gesicht.
Inhaltlich haben sie dabei hin und wieder sicher auch Recht. Oft jedoch
nicht, denn ihre eigene aktuelle Situation verhindert meist eine genauere
Analyse dessen, was sie sagen oder tun.
Das Problem: niemandem ist geholfen.
Die unerlöste Gerechtigkeit mag sich für einen Moment besser
fühlen - dies war auch der einzige Sinn der Aktion - auf Dauer jedoch
ist der Verlust der aus dem Schlag gegen die Umwelt resultiert, größer,
als das momentan Erreichte.
Besonders schwierig werden Menschen eingeschätzt, die sozusagen ständig
auf der Suche nach einer Gelegenheit sind, ihr Urteil in aller Deutlichkeit
kundzutun. Diese haben oft einfach Spaß daran, den Menschen drastisch
mitzuteilen, was falsch läuft. Im Laufe der Zeit gewinnen sie dabei
eine gewisse Routine, was den Wahrheitsgehalt ihrer Urteile steigert.
Tatsächlich ist in dem, was sie sagen ein nicht zu unterschätzender
Kern an Realität. Dass sie sich dabei nicht beliebt machen, liegt
unter anderem daran, dass viele Menschen die bittere Wahrheit nicht hören
wollen.
Der zweite Grund ist jedoch, dass sie selten Rücksicht darauf nehmen,
wie das, was sie sagen wirkt. Eine Aussage kann noch so wahr sein: am
falschen Punkt, in der falschen Weise angebracht verschärft sie das
Problem des Betroffenen eher, als dass sie hilft.
Im Kern geht es der unerlösten Gerechtigkeit auch gar nicht um die
Hilfe für andere. Im Kern werden die anderen dazu benutzt, die eigene
Stabilität zu erhalten. Die nach außen stark scheinende unerlöste
Gerechtigkeit überspielt lediglich die innere Unsicherheit. Je häufiger
die wertenden Auftritte im Außen, umso besser wird die Aufmerksamkeit
vom Blick nach Innen abgelenkt. Denn das Innere macht wegen des unsicheren,
instabilen Erscheinungsbildes Angst.
Das Ego einer unerlösten Gerechtigkeit mag das Innere nicht im Außen
leben. Deshalb spielt es Stärke vor, die real nicht vorhanden ist.
Es mag hart sein, dies zu erkennen oder zuzugeben. In der Praxis führt
kein Weg daran vorbei, es sei denn Du willst Deine eigene Entwicklung
blockieren.
Die Tarotessenz der Gerechtigkeit hilft Dir, den Mut zu finden, an das
eigentliche Thema heranzugehen. Sie hilft Dir einen Ausgleich zu schaffen
zwischen Innen und Außen, zwischen Ratio und Gefühl. Es geht
darum Dich ins Lot zu bringen.
Dazu ist es oft gar nicht notwenig, auf die Stärke im Außen
zu verzichten. Aber es ist nötig zu erkennen, was konstruktiv auf
andere Menschen wirkt. Du hast die Fähigkeit, die Probleme, die blinden
Flecken der anderen zu erkennen. Wenn Du mit Dir selbst ins Reine kommst,
lernst Du nicht nur Deine blinden Flecken zu sehen, sondern auch, anderen
zu sagen, wie sie mit sich umgehen können.
Du wirst vom Außenseiter zum geachteten Mitglied einer sozialen
Struktur.
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